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Würdigung der allerbesten Geschichten


Laudatio zur Geschichte "Puppenhausblues"
von Andrey Fedorchenko (mit Madeleine Rey)

Der "Puppenhausblues" erzählt vom Entscheid für die Liebe und für ein anderes Land. Ein Paar hat sich gefunden. Die Frau wohnt in einer winzigen Altstadtwohnung in Aarau, der Mann in Minsk. Sie mag nicht nach Weissrussland ziehen, und so wagt der nicht mehr ganz junge Mann trotz aller Bedenken einen Neuanfang in der Schweiz. Er betritt ein unbekanntes Territorium, das seinen Alltag total umkrempelt; er muss bei Null beginnen. Die fremde Sprache macht aus dem kultivierten Intellektuellen einen einfachen Burschen, der nur gerade die simpelsten Gedanken ausdrücken kann. Seine Qualifikationen als Verlagsmitarbeiter gelten plötzlich nicht mehr viel. In unfreiwilliger Untätigkeit beobachtet er das Leben im neuen Land, das ihm vorkommt wie eine Kulisse mit Festtagsstimmung. Als er zu arbeiten beginnt, entdeckt er Gewohnheiten, die ihn ans alte Russland erinnern. Schliesslich kann er mit einer Mischung aus Trauer und Erleichterung seine alten Schuhe mit den Salzrändern aus Minsk entsorgen.
Der "Puppenhausblues" schildert mit stillem Humor und ohne Bitterkeit das Wagnis eines Neuanfangs. Ankommen bedeutet Loslassen von Vertrautem und Konfrontation mit Neuem. Mit behutsamem Blick wird ein Stück Schweiz erkundet, und diese Beobachtungen werfen den Erzähler zurück auf sich selbst. Das Betreten von Neuland bringt Veränderungen und Verwandlungen, die sich seinem Einfluss entziehen. Er wandelt sich vom Sprachgewandten zum Analphabeten, vom Hochqualifizierten zum Arbeitslosen, vom Heimischen zum Fremden. Der Neuling wird mit sich selbst konfrontiert, denn er verliert zunächst seinen sozialen Status. Das Heimweh holt ihn ein, aber weder Minsk noch Aarau werden verklärt. Die poetische Reflexion über das Ankommen und Loslassen ist auch ein ehrliches und präzises Nachdenken über sich selbst. Dass hier manches ein ewiges Rätsel bleibt, könnte in seinen Augen sogar ein Pfand sein für das Glück.


Laudatio zur Geschichte "Rosa gibt es nicht"
von Karin Monteiro-Zwahlen

Die Geschichte "Rosa gibt es nicht" beleuchtet verschiedene Facetten der Illegalität. Sie zeichnet einen normalen Familienalltag auf. Teenagerträume von einer Karriere als Popstar hängen in der Luft, auch wenn der Kassettenrecorder möglichst wenig Lärm machen darf. Eines der Kinder hält immer Wache, wenn sie spielen. Sobald sich jemand dem Haus nähert, muss Rosa spurlos verschwinden. Rosa ist illegal in der Schweiz. Ohne sie funktioniert der kinderreiche Haushalt nicht, wo doch beide Elternteile verdienen müssen. Diese gegenseitige Abhängigkeit in einer engen Wohnung verursacht Probleme und Streitereien. Es kommt zu Zerreissproben innerhalb der Familie. Die Kinder wissen um Rosas gefahrvolle Situation und halten sich strikte an die Vorsichtsregeln. Doch der Zwang zur Geheimhaltung von Rosas Existenz und die Angst vor einer verräterischen Unachtsamkeit fressen sich tief in sie hinein, lassen sie ausser Hauses wortkarg werden und zwingen sie zu Notlügen.
"Rosa gibt es nicht" legt den ungeheuren Druck offen, den die Illegalität für alle Beteiligten und Eingeweihten mit sich bringt. Der gut gebaute Text deckt Zerreissproben und gegenseitige Abhängigkeiten innerhalb einer Familie auf. Zwischen den üblichen Teenagerträumen und den Ängsten vor dem Entdecktwerden öffnet sich ein Abgrund, an welchem die Familie entlang balanciert. Die Geschichte schildert nicht nur Zwänge und Ängste, die aus einem illegalen Aufenthalt entstehen, sie streift auch wirtschaftliche und soziale Ursachen, die in ausweglose Situationen führen können. Dass ein Leben mit so viel Druck und Angst immer noch besser sein soll als eine Rückkehr, sagt viel über die Verhältnisse im Herkunftsland aus. Der Weg in die Illegalität hat nichts mit Abenteuer zu tun, sondern mit schierem Überleben. Die Leugnung einer Existenz ist nicht nur für die Organisation des Alltags, sondern auch für die Psyche verheerend.


Laudatio zur Geschichte "Windfang"
von Patrizia Ossola

Die Geschichte "Windfang" entführt auf eine poetische Lebensreise durch Raum und Zeit. Eine Frau geht zurück in ein Erdbebengebiet, an den verlassenen Ort ihrer Herkunft. Bruchstücke der Erinnerung setzen sich wie ein Puzzle zusammen. Der Boden unter den Füssen geht ihr verloren. Sie wandert aus und beginnt ein neues Leben in einem Land, dessen Sprache sie kaum versteht. So bleibt sie zerrissen, weil sie keine Heimat mehr hat in der Vergangenheit und keine neue finden kann in der Gegenwart.
In einer feinen, literarischen Sprache zeichnet "Windfang" die Bruchstücke auf, aus denen sich ein Leben zusammensetzt. Die Schichten der Erinnerung legen ein Dasein frei zwischen hier und dort, zwischen dem Nicht-mehr-dort und Doch-nie-ganz-hier-sein. Ein Zurück kann es nicht geben, weil Zeit und Ort, aus welchen die Frau stammt, nicht mehr sind, wie sie waren. Die scheinbar undramatische Reise von Süden nach Norden und wieder zurück ist einzigartig. Und doch sind solche Erfahrungen prägend für eine ganze Generation von Auswanderern.


Laudatio zur Geschichte "Wo die Dinge andere Namen tragen"
von Jacqueline Keune

Die Geschichte "Wo die Dinge andere Namen tragen" begleitet ein Deutschschweizer Kind in seine neue Schule. Das Mädchen ist mit seinen Eltern über ein paar Kantonsgrenzen hinweg umgezogen, und schon wird sein Dialekt nicht einmal mehr vom Lehrer verstanden. Es fühlt sich verloren und erkennt den unwiederbringlichen Verlust einer Heimat, ein Verlust, der mit Intensität und Brutalität in vielen kleinen Dingen des Schulalltags aufscheint.
"Wo die Dinge andere Namen tragen" legt offen, wie sehr Identität und Selbstverständnis an vertraute Dinge und Orte gebunden sind, wie sehr sich Menschen mit deren Verlust auch selbst verlieren. Erst im Wiedererkennen von Vertrautem oder in der Aneignung von Neuem können sie sich wieder finden. Aus der Sicht eines Kindes zeigt die Geschichte eine Situation auf, die in ihrer Einfachheit an ganz grundsätzliche Fragen des menschlichen Daseins rührt. Es braucht lange, eine neue Heimat zu finden.


Laudatio zur Geschichte "Kuchen, nein danke"
von Agnela Wyler

Ihre Geschichte "Kuchen, nein danke" erzählt vom Kind einer brasilianischen Mutter, das an seinen Geburtstagen in kitschige Rüschenkleider gesteckt wird. Die Tochter schämt sich, denn sie möchte sein wie die Andern, in Latzhosen. Die Mutter dagegen will ihrem Kind möglichst viel von ihrer eigenen Tradition mitgeben und erschwert ihm damit die Integration in seine Klasse.
"Kuchen, nein danke" schildert den Kulturkampf in einer Familie. Da die Vorstellungen darüber, was schön und was gut ist, stark auseinander klaffen, fühlt sich die Tochter keiner der beiden Kulturen zugehörig. Einprägsame Bilder illustrieren die kindliche Verlorenheit zwischen zwei Welten.


Laudatio zur Geschichte "Idajet"
von Thomas Zwygart

Ihr "Idajet" handelt von einer studentischen Wohngemeinschaft, welche ihre Mansarde an einen Schwarzarbeiter aus Kosovo vermietet. Dieser junge Mann arbeitet schwer und lang, denn er hat bereits eine Familie zu ernähren. Die Studenten sehen ihn kaum. So bleibt der fremde Freund eine Projektionsfläche für das Eigene, für Ängste und Befürchtungen.
"Idajet" reflektiert die alltägliche und vertraute Begegnung mit dem Fremden, die vor allem von Gleichgültigkeit gegenüber dem Anderen geprägt ist. Die Geschichte erzählt in leisen Tönen vom Wissen um diese Gleichgültigkeit, vom daraus folgenden Unbehagen und von der mangelnden Bereitschaft, diese Gleichgültigkeit zu überwinden.


Laudationes verfasst von Susanna Heimgartner, Sprecherin der Jury